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Lasst die Tiere nicht alleine! Ein Appell zum Thema Fernflüge von Hermann Rohlfs

Nicht Fliegen ist keine Lösung

In vielen Städten der westlichen Welt gehen die Menschen auf die Straße, um für ein stärkeres Engagement beim Klimaschutz und für eine deutliche Reduktion des CO2-Ausstoßes zu demonstrieren. Ihre Botschaft ist unmissverständlich:
– Wir leben in einer Welt.
– Alles hängt zusammen.
– Wir müssen jetzt handeln.
– Jeder Einzelne kann etwas tun.
Diese Leitsätze der jungen Umweltbewegung sind natürlich einleuchtend. Eine kritische Auseinandersetzung auch mit dem eigenen Verhalten bei Fragen des Klimaschutzes ist nicht nur zu begrüßen, sondern zwingend erforderlich. Dabei darf man es sich allerdings nicht zu leicht machen. Einfache Lösungen sind zwar bequem, in unserer komplexen Welt aber leider nur selten richtig – und manchmal sogar gefährlich.

Giraffen in der Kalahari in Namibia

Das zeigt sich beispielhaft beim Thema Fernflüge und „Flight shame“. Klar: Wer fliegt, produziert CO2. Wer Fernflüge nutzt, produziert viel CO2. Wer auf Flugreisen verzichtet, spart also CO2.

Tourismus ist wichtig für Mensch und Tier

Klar ist aber auch: Bei einem Flugboykott würden Reisen ins subsaharische Afrika für die meisten Menschen de facto unmöglich. Ein solcher Verzicht ist sicher gut gemeint, doch welche Folgen hätte er für die Menschen vor Ort? Und schützt man damit die Natur – namentlich die Tiere: das Nashorn, den Löwen, den Leoparden, den Elefanten, den Büffel, den Gepard, den Gorilla, die Giraffe …?

Elefantenherde in Botswana

Die meisten dieser Tiere sind vom Aussterben bedroht. Doch so sehr dies zu beklagen ist, muss man sich fragen: Warum sind diese Tiere nicht schon längst ausgerottet worden?
Und: Wie lange wird es sie noch geben, wenn ein Fernflugboykott durch europäische Touristen zum Massenphänomen wird und der Schutz der Tiere weder Einnahmen noch Devisen bringt?
2 Jahre? 5 Jahre?

Löwenfamilie im Schutz des Serengeti Nationalparks in Tansania

Schutzgebiete als Zukunftssicherung

Auch wenn es uns nicht gefallen mag, gibt es nur eine einzige Chance für die großen Tiere in Afrika:
Ihr Schutz muss den Menschen vor Ort ein höheres Einkommen ermöglichen als ihre Verdrängung. Ob auf einer Fläche Ziegen weiden oder Löwen umherstreifen, ob eine Fläche Wildnis bleibt oder Weide- bzw. Ackerland wird – das bestimmt schon lange nicht mehr die Natur. Das bestimmen wir alle. Da eine Fläche nur in Ausnahmefällen doppelt genutzt werden kann, ist die entscheidende Frage: Welche Art der Nutzung ermöglicht den Menschen, die dort wohnen, ein besseres Leben? Landwirtschaft – oder ein (auch ökonomischen Interessen dienendes) Schutzgebiet?

Ziwa Rhino Sanctuary in Uganda – Rettung für bedrohte Nashörner

Wenn wir wollen, dass der Löwe überlebt, muss er „ertragreicher“ sein als eine Herde Ziegen. Und diesen wirtschaftlichen Mehrwert bekommt er durch uns: die Menschen, die aus aller Welt anreisen, um den majestätischen Jäger, den König der Tiere sehen. Einzig und allein aus diesem Grund gibt es ihn noch – und ebenso die Elefanten, Nashörner, Leoparden und Geparde.

Indri im Andasibe-Mantadia-Nationalpark auf Madagaskar

Wichtige Arbeitsplätze für die Einwohner

Jedes Jahr fliegen tierbegeisterte Afrikatouristen in die großen und kleinen Naturreservate. Bescheren den Menschen Einnahmen, schaffen Arbeitsplätze im Tourismus und im Naturschutz. Der Tourismus ist in einigen Ländern Afrikas der bedeutendste Wirtschaftszweig.

Ein Fernflugboykott würde nahezu schlagartig die Existenzgrundlage von Millionen Menschen zerstören. Das Ausbleiben zahlungskräftiger Touristen würde nicht nur einer ganzen Industrie den Todesstoß versetzen, sondern auch dem Naturschutz, für den ökonomische Überlegungen wenigstens genauso wichtig sind wie ökologische oder moralische Erwägungen.
Kurz gesagt: Ein Fernflugboykott bedeutet ein baldiges Ende der Big 5 und der anderen Großtiere in Afrika.
Und das ist sicher nicht im Sinne der Klimaschützer und ihrer fraglos wichtigen und drängenden Anliegen.

Ein Gastbeitrag von Hermann Rohlfs (Inhaber von Ondili Lodges & Activities in Namibia)

Über den Verfasser:
Hermann Rohlfs ist seit über 10 Jahren aktiv im Naturschutz tätig.
Er unterstützt maßgeblich mehrere Stiftungen, die sich für den Schutz bedrohter Tier- und Pflanzenarten engagieren. Seine Gruppe von Lodges in Namibia investiert 100 % ihres Profits in den Naturschutz – das ist die Firmenphilosophie. Vornehmlich werden so die Schaffung von Natur-Reservaten und die Wiederansiedlung bzw. der Schutz der ortstypischen Fauna und Flora finanziert; zudem werden Schulen gebaut und Bildungsprojekte für Arbeitsplätze im Naturschutz und naturnahem Tourismus verwirklicht.

Fotos: Ondili Lodges & Activities (Namibia), Tanja Köhler (Botswana) und Claudia Heinrich (Kenia, Tansania, Uganda, Madagaskar)

Hier finden Sie einige Beiträge zum Thema soziale Projekte und Tourismus.

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