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La Réunion auf unbekannten Wegen – von der Sud Sauvage auf die Vulkanebene mit unserer Autorin Rike Stotten (Teil 1)

La Réunion ist der südlichste Teil der Europäischen Union, ist dabei oft so gar nicht Französisch, sondern wild und exotisch! Hier präsentieren sich Natur und Kultur der Insel mit einer eindrücklichen Vielfalt. Ideale Bedingungen, um die Insel im Indischen Ozean zu erwandern. Eine besonders schöne und abwechslungsreiche Tour erlebt man von Grand Galet über Le Grand Pays, La Plaine des Sables bis nach Terre Sainte am Plage des Pecheurs. Wo kann man sonst eine Hochgebirgswanderung, die durch verschiedenste Vegetationszonen führt, entspannt an einem Traumstrand ausklingen lassen?

1. Etappe: Von Le Sud Sauvage nach Grand Galet

Schon die Anreise ist eine Abenteuerfahrt! Le Sud Sauvage; mein ‚chez-moi‘, mein Zuhause auf der Insel; hier habe ich vor 6 Jahren angefangen Französisch zu lernen. Heute wage ich eine Wanderung, die mir schon seit meinem ersten Aufenthalt auf der Insel vorschwebt. Von Grand Galet, einem kleinem Dorf im wilden Süden der Insel bis auf die Plaine des Sables, der großen, sandigen Ebene die unterhalb des Vulkans liegt.
Mit dem ersten Bus geht es von Saint Joseph, der Hauptstadt des wilden Südens der Insel, in das kleine Bergdorf Grand Galet. Es ist ein Samstagmorgen um 7 Uhr und ich bin mit dem Fahrer alleine im Bus – obwohl der Bus eher ein erstaunlich neuer Transporter mit 9 Sitzen ist. So neu der Bus ist, die Straßen sind es nicht! So geht es während der dreißig-minütigen Fahrt durch Schlaglöcher holpernd dem Rivière Langevin hinauf nach Dorf Grand Galet. Noch ist es ruhig auf den Straßen, sodass das laut dudelnde Radio mit der inseltypischen Sega-Musik, die auf melodischer Weise Liebesgeschichten erzählt, fast störend wirkt. Der Fahrer heißt Valmyr; er ist in Langevin, dem Dorf an der Flussmündung des gleichnamigen Flusses, aufgewachsen. Er erzählt mir von den vielen kreolischen Familien, die jedes Wochenende an den Ufern des Flusses große Picknicks veranstalten. Wer hier einen guten Platz ergattern will, muss schon früh am Morgen kommen; und tatsächlich sieht man schon vereinzelte Familienväter, die ihre Sonnensegel aufspannen und damit ihr Revier markieren.

Entlang des Riviere Langevin

Weiter aufwärts ist die Straße entlang des Flusses gesäumt von Litschi Bäumen. Die reifen Früchte im Dezember erinnern mit ihren roten Kugeln an eine exotische Form des Weihnachtsbaumes. Zwischendurch bremst Valmyr den Transporter ab und ruft einem Bekannten auf der Straße auf Kreolisch ein lautes, aber melodisches‚ Koman i lé?‘ zu – ‚ Quoi de neuf? – Die Antwort ist dabei gar nicht so wichtig und geht im Fahrtwind unter.

Die Straße geht nun steil und in engen Kurven hinauf. Selbst Kenner Schweizer Bergstraßen wären hier erstaunt; meinem Busfahrer scheinen diese asphaltierten Spitzkehren dagegen kalt zu lassen.

Er fährt hupend weiter und bringt den (noch?) beulenfreien Transporter gekonnt – oder mit Glück? – auf die oben liegende Anhöhe. Hier geht die Straße einige hundert Meter schnurstracks weiter geradeaus, bevor es wieder in steilen Kurven raufgeht.
Valmyr fragt mich ob ich den Wasserfall von Grand Galet kenne. Er erzählt wie er früher hier von den Felsen gesprungen ist; waghalsig habe er sich einst mit seinen Freunden von den kleinen Felsvorsprüngen am Rande des Wasserfalls gestürzt.

Wasserfall von Grand Galet

In einer Kurve breitet sich der Wasserfall vor uns aus; weniger hoch als breit hat er das Antlitz eines Amphitheaters, in dem einzelne Wasserstränge die steilen, dunklen Felswände aus Lavagestein herunterstürzen. Auch wenn ich den Wasserfall schon öfters gesehen habe, bin ich jedes Mal wieder beeindruckt von der elegante-majestätischen Schönheit. Davon hat die Insel eine ganze Menge zu bieten; bin ich doch eigentlich erst auf dem Weg zu meinem heutigen Ausflugsziel; der großen Wanderung.
Kurz darauf erreicht der Bus seine Endstation in dem kleinen, abgelegenen Dorf von Grand Galet. Kein Wanderweg ist ausgeschildert. Sowieso hat man eher das Gefühl das es hier nicht weitergeht; links und rechts vom Dorf ragen hohe, dicht bewachsene Felswände herauf und auch der Blick Richtung Norden ist schlichtweg eine riesige Fläche von ansteigendem Grün. Ich frage einen älteren Dorfbewohner, der es sich schon um diese Tageszeit einfach vor seinem Gartenzaun gemütlich gemacht hat und das den Anschein machende Nichts beobachtet. Er weist mir den Weg zum Einstieg der Wanderung und versichert sich, ob ich mir über die anstehenden Anstrengungen der Wanderung bewusst bin: es geht auf 12 km knapp 2.000 Höhenmeter hinauf; der Weg ist dabei nicht viel-begangen und wird seit Jahren nicht mehr gepflegt. Noch bin ich motiviert mein Vorhaben in die Tat umzusetzen: ‚Mi connais l’île!‘ Ich bin ja auch nicht zum ersten Mal hier. Er erzählt mir weiter, dass der abgelegene Weiler mit seinen bunten kreolischen Häusern nach starken Regenfällen teilweise tagelang von der Außenwelt abgeschnitten ist und die Bewohner mit dem Hubschrauber versorgt und transportiert werden müssen. Solche Ereignisse kosten der Gemeinde viel Geld; soviel Geld dass in dem Dorf heute keinen neuen Häuser mehr gebaut werden dürfen – zu teuer ist die Aufrechterhaltung einer den Naturgewalten so exponierten Siedlung …

Fortsetzung folgt

Text und Bilder: Rike Stotten

Dr. Rike Stotten ging einst nach La Réunion, um bei Bio-Bauern Französisch zu lernen, und kehrt seitdem immer wieder zurück. Die Leidenschaft für die Insel hat sie zum Schreiben über La Réunion inspiriert. Ihr Reisehandbuch Réunion (auch als ebook erhältlich) bietet viele Informationen und Tipps für Outdoor-Aktivitäten: darunter 18 Wanderungen mit ausführlichen Beschreibungen und Karten für unterschiedliche Ansprüche.

 

 

 

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