{"id":30500,"date":"2019-02-05T16:12:40","date_gmt":"2019-02-05T14:12:40","guid":{"rendered":"https:\/\/www.afrika.de\/blog\/?p=30500"},"modified":"2019-02-05T16:12:40","modified_gmt":"2019-02-05T14:12:40","slug":"gacaca-die-friedensgerichte-von-ruanda","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.afrika.de\/blog\/gacaca-die-friedensgerichte-von-ruanda\/","title":{"rendered":"Gacaca \u2013 die Friedensgerichte von Ruanda"},"content":{"rendered":"<p>In Ruanda wurde lange Zeit eine <strong>au\u00dfergew\u00f6hnliche Form von Gerichtsprozessen praktiziert<\/strong>: die Gacaca-Gerichte. Oberste Priorit\u00e4t dieser Verfahren war der Frieden in der Gemeinschaft; so wurden Verbrecher h\u00e4ufig nicht ins Gef\u00e4ngnis gesteckt, <strong>sondern zu Hilfsarbeiten verpflichtet<\/strong>, um sie auf diese Weise zu resozialisieren und mit der Dorfgemeinschaft zu vers\u00f6hnen.<\/p>\n\n<h1>Liebe geht durch den Magen \u2013 Vers\u00f6hnung auch?<\/h1>\n<p>Die traditionelle Gerichtsbarkeit der Dorfgemeinschaften erm\u00f6glichte, unter der Leitung der Dorf\u00e4ltesten unkompliziert und zeitnah Verst\u00f6\u00dfe gegen die Regeln des lokalen Zusammenlebens zu ahnden und Auseinandersetzungen zwischen Familien zu schlichten. Meist musste der Delinquent zur Wiedergutmachung <strong>gemeinn\u00fctzige Arbeit leisten oder dem Gesch\u00e4digten gewisse Mengen an Sorghombier oder Bananenwein zukommen lassen<\/strong>. Traditionell endeten die Verfahren oft mit einem Vers\u00f6hnungsessen. Schon daran zeigt sich, dass die Wahrung des d\u00f6rflichen Friedens das Prim\u00e4rziel der Gacaca-Gerichte war \u2013 der Strafaspekt trat demgegen\u00fcber in den Hintergrund. Diese Praxis bestand bis ins fr\u00fche 20. Jahrhundert, doch 1924 beschnitten die belgischen Kolonialbeamten die Zust\u00e4ndigkeiten dieser Gerichte. Auch nach der Unabh\u00e4ngigkeit 1962<strong> beschr\u00e4nkte sich die Autorit\u00e4t der Gacacas auf kleine, kommunale Streitigkeiten<\/strong>, doch immerhin waren sie Bestandteil des offiziellen Rechtssystems.<\/p>\n<div id=\"attachment_30506\" style=\"width: 1034px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.afrika.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/DSC_0074.jpg\" data-wpel-link=\"internal\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-30506\" class=\"size-full wp-image-30506\" src=\"https:\/\/www.afrika.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/DSC_0074.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"683\" srcset=\"https:\/\/www.afrika.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/DSC_0074.jpg 1024w, https:\/\/www.afrika.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/DSC_0074-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.afrika.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/DSC_0074-768x512.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-30506\" class=\"wp-caption-text\">Friede in der Dorfgemeinde ist oberste Priorit\u00e4t<\/p><\/div>\n<h1>Gacaca-Gerichte helfen bei der Aufkl\u00e4rung des V\u00f6lkermordes<\/h1>\n<div class=\"yellow-box\">Aufgrund der durch den V\u00f6lkermord im Jahr 1994 zerst\u00f6rten Institutionen und der immensen sozialen und politischen Probleme rief die Regierung 1995 bei der Bew\u00e4ltigung der bevorstehenden juristischen Arbeit um Hilfe. Der von den Vereinten Nationen installierte Internationale Strafgerichtshof f\u00fcr Ruanda (ICTR) mit Sitz im tansanischen Arusha sollte und konnte sich wegen seiner geringen Kapazit\u00e4t nur um die Verfahren gegen die vermeintlich wichtigen, politisch verantwortlichen Drahtzieher k\u00fcmmern. Das Rechtssystem in Ruanda drohte nach dem Genozid zu kollabieren \u2013 <strong>lediglich 20 der zuvor 785 Richter waren noch am Leben<\/strong> \u2013 und fokussierte seine Strafverfolgungsbem\u00fchungen auf diejenigen Planer des Genozids, die sich nicht vor dem ICTR rechtfertigen mussten. 1999 beschloss die Regierung notgedrungen, die Gacaca-Gerichte einzusetzen und sie auf die Masse derer auszuweiten, die beschuldigt wurden, am V\u00f6lkermord beteiligt gewesen zu sein.<\/div>\n<h1>Traditionelle Werte und Rechtsstaatlichkeit<\/h1>\n<p><a href=\"https:\/\/www.afrika.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/DSC_0085.jpg\" data-wpel-link=\"internal\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-medium wp-image-30507\" src=\"https:\/\/www.afrika.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/DSC_0085-300x200.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"200\" srcset=\"https:\/\/www.afrika.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/DSC_0085-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.afrika.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/DSC_0085-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.afrika.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/DSC_0085.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>Mitte des Jahres 2002 nahmen in zw\u00f6lf Distrikten die ersten Gerichte ihre Arbeit auf. Im Gegensatz zu den traditionellen Gacacas waren diese nun rechtlich eingebettet, folgten formalen Abl\u00e4ufen und r\u00e4umten den Angeklagten mehr Rechte ein. Die Beteiligung der gesamten Gemeinde sowie das Ziel der Vers\u00f6hnung wurden jedoch als wichtige Elemente beibehalten. Die Schwere der Delikte w\u00e4hrend des Genozids wurde in eine von vier Kategorien eingeteilt. Die Gacacas waren f\u00fcr F\u00e4lle der Kategorien 2 bis 4 zust\u00e4ndig, w\u00e4hrend Verd\u00e4chtige der Kategorie 1 vor ein ordentliches ruandisches Gericht bzw. das ICTR gestellt wurden.<\/p>\n<h1>Das Volk w\u00e4hlt die \u201eRichter\u201c<\/h1>\n<p>Jedem Gacaca-Gericht geh\u00f6rten neun Inyangamugayo sowie f\u00fcnf Gesandte an. Die Inyangamugayo wurden von der Generalversammlung des Dorfes gew\u00e4hlt. Aktiv wahlberechtigt waren alle Bewohner \u00fcber 17 Jahren, zur Wahl stellen durfte sich Die Kandidaten mussten \u00fcber 21 Jahre alt sein, \u00fcber eien guten Leumund verf\u00fcgen und nicht mit \u00fcber sechs Monaten Gef\u00e4ngnis vorbestraft sein; selbstverst\u00e4ndlich durften sie auch nicht in den V\u00f6lkermord verwickelt gewesen sein. Die Strafen fielen dabei h\u00f6chst unterschiedlich aus: von gemeinn\u00fctziger Arbeit bis hin zu jahrzehntelangen Haftstrafen! Ein \u00fcbergeordnetes Appellationsgericht k\u00fcmmerte sich um Einspr\u00fcche gegen verk\u00fcndete Urteile. Bis Mitte 2012 waren die Gacaca-Gerichte so an der juristischen Aufarbeitung des Genozids beteiligt.<\/p>\n<div id=\"attachment_30502\" style=\"width: 1034px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.afrika.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/DSC_0039.jpg\" data-wpel-link=\"internal\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-30502\" class=\"size-full wp-image-30502\" src=\"https:\/\/www.afrika.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/DSC_0039.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"683\" srcset=\"https:\/\/www.afrika.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/DSC_0039.jpg 1024w, https:\/\/www.afrika.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/DSC_0039-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.afrika.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/DSC_0039-768x512.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-30502\" class=\"wp-caption-text\">Wichtig: Mitbestimmung durch das Volk<\/p><\/div>\n<p>\u00a9 Fotos: earthwanderer<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Ruanda wurde lange Zeit eine au\u00dfergew\u00f6hnliche Form von Gerichtsprozessen praktiziert: die Gacaca-Gerichte. Oberste Priorit\u00e4t dieser Verfahren war der Frieden in der Gemeinschaft; so wurden Verbrecher h\u00e4ufig nicht ins Gef\u00e4ngnis gesteckt, sondern zu Hilfsarbeiten verpflichtet, um sie auf diese Weise zu resozialisieren und mit der&hellip; <a class=\"read-more\" href=\"https:\/\/www.afrika.de\/blog\/gacaca-die-friedensgerichte-von-ruanda\/\" data-wpel-link=\"internal\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":305,"featured_media":30503,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3,7128,74],"tags":[],"class_list":["post-30500","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-afrika","category-kultur","category-uganda_ruanda"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.afrika.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/30500","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.afrika.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.afrika.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.afrika.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/305"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.afrika.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=30500"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.afrika.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/30500\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":30513,"href":"https:\/\/www.afrika.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/30500\/revisions\/30513"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.afrika.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/30503"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.afrika.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=30500"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.afrika.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=30500"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.afrika.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=30500"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}